Schlaf & Träume II

Es ist offensichtlich, dass die Menschen verschiedener Zivilisationen unterschiedlich schlafen und ein differenziertes Verhältnis dem Schlaf gegenüber aufweisen. Die Mehrheit der Weltbevölkerung schläft tatsächlich anders, als wir es tun oder erwarten würden. Selbst die Europäer von vor 2 Jahrhunderten schliefen völlig anders als wir es heute tun. So seltsam es klingen mag, doch die Anthropologen und Ethnographen haben erst seit Neuestem angefangen, sich mit den Gewohnheiten, die mit dem Schlafverhalten verschiedener Völker zu tun haben, zu befassen.

Das weiche Kissen – kaum zu glauben, eine in der Tat moderne Erfindung! Bei vielen Völkern benutze man seit Jeher harte Unterlagen für den Kopf als Kissenersatz, die man sich aus Holz oder Alabaster schnitzte und während der Nacht unter den Kopf legte. Einer der Gründe für solch harte Kissenarten war, dass man am frühen Morgen die am Vortag in stundenlanger Arbeit zusammengestellte Frisur nicht erneut mühevoll in Ordnung bringen müsste – dies galt übrigens für Männer wie für Frauen.

Schlaf und Träume

Riesenkissen - ein Produkt der Neuzeit

Die US-Amerikanische Forscherin Carol Worthman sammelte Äußerungen zum Thema Schlaf bei über 10 unterschiedlichen Völkern, die nichts mit der europäischen oder westlichen Kultur zu tun haben. Alle Vertreter dieser Völker bevorzugen es, in großen Gruppen zu schlafen, damit man durch den Schlaf hindurch den Atem eines Stammesangehörigen empfangen kann, oder das Atmen der Haustiere oder aber auch das Knattern des Lagerfeuers, das die Gruppe wärmt. Nur unter diesen Umständen fühlt sich der Schlafende wohl und sicher – er weiß, dass bei einem Überfall durch den Feind oder ein Raubtier auf jeden Fall jemand aufwachen und Alarm schlagen wird. Im Alleingang kann solch ein Stammesangehöriger kaum einschlafen.

Schlaf und Träume

Kopfbänke von Santa Cruz und Neuguinea

Man schläft auf Tierfellen, Bastmatten, niedrigen Holtbrettern und einfach auf der Erde. Kissen oder anderweitige Kopfunterlagen trifft man selten. Man legt sich in seinen Tageskleidern „zu Bett“. Es gibt faktisch niemanden, Kinder inbegriffen, der sich an bestimmte Schlafzeiten hält, aber der Wechsel von Schlaf und Wachsein wird vom Tag- und Nachtwechsel bestimmt, also der Helligkeit und Dunkelheit. Es existieren keinerlei grelle Lichtquellen, die es ermöglichen würden, den Arbeitstag etwas länger als bis auf den Sonnenuntergang hinauszuzögern. Menschen in solchen Umständen beschweren sich eher über zu viel als zu wenig Schlaf.

Schlaf und Träume

Eingeborene auf Papua Neuguinea

Schlafgewohnheiten spiegeln oft auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten wider. So merkt man beim Betrachten des Neuguineanischen Stammes Gebusi, der sich damit beschäftigt, Früchte in nicht allzu großen Gärten zu züchten und Wildschweine zu jagen, dass Frauen, junge Damen und Kinder auf Bastmatten in einem kleinen Pferch des Gemeinschaftshauses schlafen, der an eine lange Baracke erinnert. Männer und junge Herren dagegen schlafen in einem eher freien Bereich um das Haus herum, aber auf Holzbrettern. Frauen schlafen ca. 10 Stunden am Tag und gehen zu Bett wenn es dunkel wird, die Männer bleiben etwas länger wach. Einmal im Monat findet eine Art Ball statt, bei dem der Stamm die ganze Nacht lang feiert, und danach den ganzen nächsten Tag durchschläft.

Einmal in einer bis zwei Wochen führen die männlichen Stammesmitglieder schamanische Rituale durch. Die Teilnehmer, die mal eindösen, mal aufwachen, hören in diesem zwielichtigen Zustand des Bewusstseins, in dem das Gehirn sich leicht äußeren Einflüssen hingibt, den Gesprächen des Mediums - des Schamanen – mit den Geistern aus der Schattenwelt zu.

Schlaf und Träume

Ein Schamane auf Papua Neuguinea

Wie auch alle anderen primitiven Völker fürchten die Gebusi böse Geister, Gespenster und Zauberei und fühlen sich besonders hilflos während sie schlafen. Ein tiefer Schlaf zählt als etwas Riskantes auch deswegen, weil die Seele eines zu fest schlafenden Menschen, vor allem wenn er schon Träume sieht, zu weit weg fliegen kann und nicht mehr zurückkehrt. Das Schlafen in großen Gruppen, so die Gebusi, verringert das Risiko des Dahinscheidens während dem Schlaf.

Historiker berichten, dass die Idee, ein gesondertes Zimmer zum Schlafen zu errichten, zum ersten Mal vor ca. 5500 Jahren im alten Sumer entstand. Allerdings gab es das Schlafzimmer an sich erst am königlichen Hof, und dort schlafen durfte nur der Herrscher. Seine Frauen, Kinder, Diener und Gäste sowie höfische Angestellte mussten sich eine geeignete Ecke im Schloss suchen – wer wo was findet. Der König schlief im Bett, die anderen auf Bänken, Sesseln oder einfach auf dem Boden. Doch die ägyptischen Pharaonen besaßen bereits Schlafräume für Frau und Kinder, jedoch etwas kleiner als die Gemächer des Herrschers selbst. Der amerikanische Psychiater Thomas Veir versuchte, die Schlafgewohnheiten unserer Vorfahren wieder herzustellen.

Schlaf und Träume

Urzeit-Romantik: ein Pharaoh mit seiner Frau

Roger Ekirk fand mehrere Hundert Hinweise darauf, dass die Bewohner Europas damals, wie er sagt, im „segmentierten Schlaf“ schliefen, der auch bis heute in Neuguinea üblich ist. Wie in Städten so auf dem Land fielen die Europäer jeden Abend in den „ersten Schlaf“ - so nannte man es. Nach einigen Stunden, kurz nach Mitternacht, wachte man auf und verbrachte 1-2 Stunden ohne Schlaf, aber in ruhiger Atmosphäre. Manchmal führte man da leise Gespräche, besprach Ereignisse oder betete. Man redete über gesehene Träume oder man ließ Gedanken gehen. Dann kam der zweite, morgendliche Schlaf. Wenn Sie also mitten in der Nacht aufwachen und nicht mehr einschlafen können, keine Sorge: das ist keine Schlaflosigkeit, sondern ein regulärer Schlaf. Machen Sie kein Licht an, denken Sie nicht an die Dinge, die Sie morgen zu erledigen haben, erinnern Sie sich nicht an die Unannehmlichkeiten von gestern – und schon bald schlafen Sie wieder ein.

Schlaf und Träume

Licht aus und an nichts Schlimmes denken!

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