Nostradamus

Zu jener Zeit befand sich Europa in der Macht von Astrologen, Magiern, geheimer Organisationen; Okkultismus blühte in vollster Pracht. Gifte kamen in Mode. Karl IX, der vor seinem Tod Nostradamus aufgesucht hatte, wurde ein mit Gift durchtränktes Buch zugesteckt; leblos fiel auch Johann von Österreich zu Boden, nachdem er seine Schuhe angezogen hatte. Auch weibliche Pomaden enthielten Gift. Man nimmt an, dass Heinrich von Navarra durch einen Kuss von Madame de Sauve (auch bekannt als Charlotte de Beaune-Semblançay) vergiftet wurde. Während man auf mystische Art und Weise Jagd auf Könige und Peere machte, fertigte man Wachsfigürchen an und stach sie mit Nadeln durch. Zu jener Zeit kam Michel zur Welt.

Nostradamus

Michel de Nostredame

Er wird am 14. Dezember 1503 in der kleinen französischen Stadt Saint-Rémy geboren. Sein Vater ist Jaume de Nostredame, seine Mutter - Reynière de St-Rémy. Michel stammt, entgegen bekannten Gerüchten, nicht aus einer Medicus-Familie, sondern aus einer Familie von Getreidehändlern. Bloß sein Urgroßvater väterlicherseits, Abram Salomon, war ein höfischer Leibmedicus. Zumal der Junge aus der Mittelklasse kommt, sind ihm Charaktereigenschaften eigen wie beispielsweise Sorgfalt, Zweckmäßigkeit, Sparsamkeit. Doch abgesehen davon ist seine Familie nicht geizig, was die Ausbildung ihres ältesten Sohnes anbelangt. In ihrem Geschlecht gibt es eine Menge talentierter Menschen; Michels Vater ist ebenfalls sehr begabt, und seine ersten Unterrichtsstunden erhält er bei ihm. Danach schickt man ihn nach Avignon, wo er Philosophie studiert und ein Magister der Künste wird. Hiernach zieht er nach Montpellier, um Medizin zu studieren. In dieser Anstalt ist es erlaubt, Leichen zu examinieren. Die Erlaubnis dazu wurde vom Herzog erteilt.

Nostradamus

Saint-Rémy

Im Jahre 1534 erhält Michel den medizinischen Doktortitel und beginnt mit einer offiziellen Arztpraxis. Das Erbe, welches Michel vom Vater erhält, gleicht genau… 5 Gulden. Der Rest ging an die Ausbildung. Die damalige Medizin war auf einem recht niedrigen Niveau. Man wusste noch nichts über Bakterien, Mikroorganismen, das Mikroskop wurde erst im 18. Jahrhundert erfunden. Keiner der Ärzte hätte sich auch nur denken können, dass viele Krankheiten über die Luft übertragen werden – durch Tröpfcheninfektion. Das fehlende Wissen im Bereich der Mikrobiologie machte es sogar völlig sinnlos, Leichen zu untersuchen. Eine der damals bekanntesten Methoden war der Aderlass. Es gab eine Unterscheidung unter den mittelalterlichen Medici – die Ärzte und die Quacksalber oder Medizinmänner. Eben die Quacksalber führten Operationen durch, öffneten Brustkörbe, renkten Gelenke ein. Chirurgische Eingriffe wurden ohne Narkose vorgenommen, aber nicht nur das – auch ohne jegliche hygienischen oder sanitären Vorkehrungen. Ärzte operierten dagegen nicht – das zählte als schmutzig. Sie schrieben Rezepte für Mixturen und Pulver. Des Weiteren lasen sie „kluge“ Litreratur von Aristoteles. Alles in Einem waren die Ärzte keineswegs daran schuld, dass die Medizin sich damals auf einem so niedrigen Niveau befand.

Nostradamus

Paracelsus

Die Kinder vom König Francois I starben an unbekannten Krankheiten und man konnte sie nicht retten. Ihr Vater starb selbst an Tuberkulose. Als man ihn öffnete, fand man noch viele weitere Krankheiten. Und das in einer adligen Königsfamilie? Was soll man da über die normalen Bürger sagen? Daher fungierten die damaligen Ärzte als Schmarotzer, sie konnten keinem helfen und machten dabei einen äußerst klugen und intelligenten Gesichtsausdruck. Doch zur damaligen Zeit gab es es schon genug talentierte und progressive Köpfe wie Paracelsus, Avicenna, Girolamo Fracastoro, Miguel Serveto und andere.

Nostradamus

Avicenna

1536 läßt sich Michel in Agen nieder, genauer gesagt in seiner Umgebung. Dort heiratet er zum ersten Mal Henriette d’Encausse, von der er, der Legende nach, zwei Kinder erhält. In Agen lernt er auch seinen Freund und Lehrer Julius Caesar Scaliger kennen – er ist ein Gelehrter, Arzt, Humanist, Filologe, Literat, Kritiker, der sich mit der Forschung antiker Texte beschäftigt. Man nennt ihn den französischen Erasmus. Der Kontakt zu diesem Menschen hat einen großen Einfluss auf die Formierung von Michels Weltanschauung. Im Jahre 1552 schreibt er über ihn: „Ein bewandter und gelehrter Mensch. Eine Persönlichkeit, die ich mit niemandem zu vergleichen weiß außer mit Plutarch und Marcus Varro.“

Nostradamus

J.C. Scaliger

Michels familiäre Idylle währt nicht lange – zwei Jahre nach der Hochzeit stirbt Henriette an einer unbekannten Krankheit. Doch das Unglück kommt nicht allein – die Eltern der Braut verlangten die Hälfte der Mitgift und der Inquisitor von Toulouse befiehlt ihm, zum Zwecke der Aufklärung des Todesfalls vorzutreten. Hier verabschiedet sich Michel von Scaliger und Agen.

Neun Jahre streift Michel umher, und über diese Zeit ist wenig bekannt. Man sah ihn in verschiedenen Städten – Venedig, Bordeaux, Turin, Elsaß und Lyon. Es gibt auch eine Legende darüber, dass Nostradamus ein derartiges Ärztegenie war, dass er ganze Städte von der Pest heilen konnte, doch so war es nicht: er war ein Arzt seiner Zeit, er kämpfte mit der Pest mit seinen Tabletten, die er aus Rosenblättern, Zypernspänen und Aromaschilf anfertigte. Im Falle einer Epidemie sollte man Kügelchen aus diesen Ingredienten im Mund halten. Fliegende Aromastoffe konnten die Infektion „verscheuchen“ und viele, die sie einnahmen, steckten sich nicht mit der Pest an, im Kampf gegen welche Michel im Jahre 1544 teilnimmt. Das war in Marseille.

Die Infektion kam aus Hafenstädten und wurde durch Schiffsratten übertragen. Aus Marseille kommt die Pest in die Stadt Aix en Provence, wo sie 9 Monate lang bleibt. Nostradamus fährt dorthin, und da seine Erfolge im Kampf gegen die Pest so groß sind, erhält er 1546 eine Belohnung vom Parlament von Aix in Form von einer lebenslangen Rente für seine Erfolge im Medizinumfeld.

Nostradamus

Aix en Provence

Die Pest wütete. Sie trat im Jahre 1347 zum Vorschein und sie rottete das ganze Territorium von Europa bis China aus, wobei Millionen von Menschen starben. Im laufe der folgenden 300 Jahre blieb sie die Europäische Geißel, aber auch danach kehrte sie ab und an zurück – niemand wusste ihr Einhalt zu gebieten. Im 17. Jahrhundert starben in London ungefähr 35000 Menschen an der Pest, später nochmals 20000.

Michel streift durch die Länder der Provence – wo immer er erscheint, weicht die Pest. Der Erfolg liegt richtigen hygienischen Regeln und seinen ungewöhnlichen Pillen zugrunde. Im Jahre 1547 beendet er seine Wanderungen, als er in Lyon ankommt, wo er ebenso an antiepidemischen Maßnahmen teilnimmt. Im selben Jahr lässt er sich in Salon nieder, wo er bis zu seinem Tod verweilt. Er heiratet zum zweiten Mal die Witwe Anne Ponsarde und sie bekommen 6 Kinder.

Nostradamus

Lyon, 100 Jahre später

Ein regelrechter Karrierestart Michels findet im Jahre 1551 statt. Er beginnt, eigene Almanache herauszubringen und unterschreibt sie mit seinem Pseudonym, der von da an für immer blieb: Nostradamus. Das Wortspiel „Nostra Damus“ kann man aus dem Lateinischen übersetzen wie „wir geben das Unsere“. Diese Jahrbücher genossen sehr hohe Popularität. Sie waren nämlich sehr lebendig, originell und interessant geschrieben. Der Leser fand dort eine Menge Prognosen wieder – alltägliche, landwirtschaftliche, politische. Und die meisten erfüllten sich!

Von Jahr zu Jahr wurden die Bücher immer umfangreicher, Michels Berühmtheit wuchs stetig. Und da geschieht es – sein Buch kommt endlich in die Hände von König Heinrich II und seiner Frau Katherina von Medici. Als er im Jahre 1555 zum Hof vorgeladen wird, interessiert sich Katharina sehr für Astrologie und Prophezeiungen aller Art. Sie mag alles mystische und sie ist von talentierten Menschen umgeben, ja sie selbst ist auch hoch gebildet und spricht viele Sprachen. Das Treffen verläuft glatt und erfolgreich. Für seinen Besuch erhält der Astrologe und Seher allerdings nicht mal genug Groschen für die Heimreise.

Nostradamus

Katharina von Medici

Nun erscheint auch sein berühmtes Buch „Prophezeiungen von Magister Michel Nostradamus“ - sein Lebenswerk. Dieses Buch ist eine Kollektion von 942 Prophezeiungen, Vierzeilern, die man im Nachhinein Quatrenes nennt, und sie sind in Kapitel à 100 Vierzeiler – Centurien – unterteilt. Im Buch sind ebenfalls zwei Prophezeiungen in Briefform an seinen Sohn Caesar und den König Heinrich II.

Prophezeiungen erschienen dreifach, jedes Mal mit Ergänzungen und Korrekturen. Seine Jahrbücher waren damals allerdings populärer, sie wurden in allen großen Städten des damaligen Europas gedruckt, außer in Spanien, wo die Inquisition zu mächtig war.

Nach seinem Besuch beim König führten Michel und Katharina von Medici Unterhaltungen in Form von Briefen, und im Jahre 1564 besuchte ihn die Königin mit ihrem Sohn Karl in Salon höchstpersönlich. Das Ergebnis – Michel wird zum Leibarzt des Königs, was für ihn ein sehr großer Erfolg war. Bei einem Minimum von Anstrengung brachte dieser Titel ein gar nicht mal so schlechtes Einkommen. Jedoch war er damals schon ernsthaft krank – Arthritis und Gicht plagten ihn immer mehr. Die Gicht hat ihm auch das Leben genommen, wie man annimmt.

Nostradamus

Pont-canal d’Agen

Er starb am Tag, den er vorhergesagt hatte – 2. Juli 1566. Der Doktor Maitre Chavigny de Benois war dabei und beschrieb alles. Als sie sich zur Nacht verabschiedeten, sagte Michel, dass sie sich nicht mehr wiedersehen werden. Kurz zuvor schrieb Michel auf dem Ephemeriden, dem Sternkalender von Jean Stadium auf Lateinisch: „Hier naht der Tod“. Auf seinem Grabstein steht geschrieben: „Hier ruhen die Gebeine des Michel de Notredame, des einzigen unter allen Sterblichen, der würdig war, mit einer beinahe göttlichen Feder die Ereignisse zu beschreiben, die in der ganzen Welt geschehen werden nach dem Einfluß der Gestirne. Er starb in Salon im Jahre 1566, am 2. Juli, und hat 62 Jahre, sechs Monate und 17 Tage gelebt. Nachwelt, gönne ihm seine Ruhe und beneide ihn nicht.“

Nostradamus entfesselt gekonnt die tückischen Knoten der Geschichte. Häufig schreibt er: „Ich habe prophetische Bücher zusammengestellt, die Hunderte Vierzeiler von astronomischen Prophezeiungen beinhalten, den Sinn derer ich bewusst eingenietet habe und die bis ins Jahr 3797 hinreichen… Denn die Welt nähert sich im Einklang mit den Himmelszeichen einer zeitverändernden Revolution und im Einklang mit dem klaren Himmelsgericht, wenn wir noch in der siebten Zahl des Tausends sein werden, die alles beendet, als sie auf die achte zuläuft, wird der ewige Gott die Revolution beenden.“

Nostradamus

Nostradamus - Grabschrift

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