Wolf Messing

Am 10. September 1899, im kleinen, polnischen Ort Góra Kalwaria kam in einer Familie polnischer Juden ein Junge zur Welt, den man Wolf nannte. Góra Kalwaria - ein recht ungewöhnlicher Name für einen ort, nicht wahr? Es stammt vom biblischen Hügel “Golgotha” ab, welcher bekanntlich in Israel liegt. In seinen Notizen, aber hauptsächlich auch in seiner autobiographischen Erzählung “Über sich selbst”, erinnert sich unser Held an die heimatliche Ortschaft und an die Kindheit ohne jegliche Liebe oder Zärtlichkeit. Dies ist auch verständlich: die stetige Arbeit auf dem winzigen Fleckchen Land, welches sein Vater besaß, die Hitze, die Unterernährung… Die ganze Familie von Klein bis Groß verbrachte Tage, Wochen, Monate in unaufhörlichem Schaffen.

Wolf Messing

Góra Kalwaria - die Geburtsstätte

Zumal Wolf der älteste Sohn war, wurde ihm das meiste zuteil: er musste mit seinem Vater die Weinreben und Fruchtbäume besprühen und die giftigen Dämpfe einatmen, sie gießen, den Boden auflockern, ernten, auf dem Markt verkaufen… Und wehe es geschah, dass er sich bei seinem Vater über die Müdigkeit, den Hunger oder Durst beschwerte! Der strikte Charakter des Familienoberhaupts Gregor war allen bekannt: für den kleinsten Ungehorsam oder die geringste Unzufriedenheit gab es die Zuchtrute.

Was soll man tun? Wie kann man sich wenigstens ein kleines Bisschen zu essen besorgen? Über ein Obdach dachte der junge Messing gar nicht erst nach. Hier ging es erst einmal darum, zu überleben und nicht an Hunger zu sterben. In einem Restaurant suchte man nach einem Tellerwäscher. Der Lohn – etwas Nahrung, allerdings sehr bescheiden. Doch selbst dort wollte man ihn nicht anstellen.

Wolf Messing

Wolf Messing

Hunger und Schlappheit wurden zu seinen ständigen Begleitern. So ging es fort, bis Wolf, der einen langen Arbeitstag lang nichts gegessen hatte, mitten auf der Straße in eine Hungerohnmacht fiel. Er sah wie durch einen Nebel hindurch, wie eine Horde von Schaulustigen ihn umgab und eine dicke Deutsche mit Neugier fragte „Ist er tot? Ist er tot?“ - und weiter nur noch Dunkelheit. Die Engel im Himmel sind noch nicht bereit, ihn zu empfangen, denn er ist nicht tot, sondern er ist „einfach“ in einen kataleptischen Zustand verfallen, sprich in Koma. Die Ursache ist uns klar: chronische Unterernährung, unaufhörliche Arbeit, Unmöglichkeit gesund zu schlafen, Mangel an einfachsten, alltäglichen Bedarfsmitteln.

Als Wolf aufwachte, erblickte er einen ansehnlichen Mann im weißen Kittel, der über ihm gebückt stand. Plötzlich sprach Wolf: „Herr Professor Abel, ich bitte Sie! Schicken Sie mich nicht zur Polizei oder ins Kinderheim. Ich will es nicht, bitte!“ - „Woher nimmst du denn so etwas, ich habe ja noch gar nichts gesagt!“ - und da biss sich der berühmte Professor Abel auf die Zunge, erstaunt darüber, was er gehört hatte. Denn er dachte tatsächlich gerade darüber nach, wohin er den auferstandenen Jungen schicken sollte. Der sicherste Ort für ihn wäre das Heim, doch vorerst – die Polizeistation.

„Ja, Herr Professor, Sie sagte nichts, doch Sie dachten darüber nach, nicht wahr?“ Dies war anscheinend der erste Fall in der Praxis des bekannten Arztes, in dem der Eingeschlafene nicht nur wieder zum Leben zurück fand, sondern in seine Gedanken eindringen konnte. Er verstand, dass den ungewöhnlichen „Verstorbenen“ eine große Zukunft erwartete, und beschloss, eine Patenschaft für ihn zu übernehmen. „Wo wohnst du denn, Wolf?“ - „Nirgendwo, Herr Professor, ich schlendere durch die Straßen und verdiene mal hier, mal da etwas, wieso?“ - „Weil ich dich einladen will, bei mir zu leben – du wirst nie mehr durstig oder hungrig sein und wirst zweifellos vieles Lernen!“ Die Freude des Jungen war grenzenlos. Endlich lächelte ihm das Schicksal zu, denn der Bekannte Psychiater und Neuropathologe Dr. Abel nahm an seinem Schicksal teil!

So begann ein neues Leben. Der Professor machte Wolf mit den Grundsätzen der Psychologie und Psychiatrie vertraut, erzählte von der Hypnose, Telepathie, lehrte ihn, die Gedanken eines Menschen zu erraten und ihm Befehle zu geben – ebenso gedanklich. Im Endeffekt einer zweijährigen Arbeit unter der Aufsicht von Dr. Abel wurde Wolf diszipliniert, selbstsicher, er konnte seinen Willen in der Faust ballen und seine Emotionen, Gedanken und Wünsche kontrollieren. Er konnte auch seinen Organismus bewusst in einen kataleptischen Zustand versetzen, wodurch er seine lebenswichtigen Funktionen anhalten konnte, und eigene Schmerzreflexe auszuschalten – ja, er lernte vieles vom Professor!

Wolf Messing

polnische Dorffrauen

„Sei aber nicht hochnäsig, mein junger Schüler! Dir ist viel Gegeben, doch viel wird auch von dir verlangt. Du musst ständig üben, mit Menschen reden, lernen…“ Schließlich kommt der talentierte junge Mann, der einige Berühmtheit erlangte, in den Zirkus. Alle Werbesäulen erstrahlten mit den Plakaten, auf denen stand: „Wolf Messing: Katalepsie, Hypnose, Übertragung und Lesung von Gedanken mit verbundenen Augen. Zukunftsprognosen.“ Er wünschte sich, eine gute Ausbildung in Psychologie und Psychiatrie zu erlangen, doch wo konnte er sich vor den Auftritten verstecken? Denn zum großen Teil waren sie seine Ausbildung, zusammen mit neuen Fähigkeiten und Erfahrungen.

Dennoch erlaubten ihm seine Gagen, private Lehrer zu beauftragen, die ihn in verschiedenen allgemeinbildenden Fächern unterrichteten. Wir erinnern uns, dass der Junge von Geburt an ein außergewöhnliches Gedächtnis hatte, und so nahm er alle neuen Kenntnisse auf wie ein Schwamm. Von den außergewöhnlichen Fähigkeiten des jungen Mannes erfuhr auch der damals in Wien lebende Albert Einstein. Der berühmte Verfasser der Relativitätstheorie wollte ihn unbedingt näher kennen lernen, zumal so unfassbare Geschichten über ihn im Umlauf waren. Als er eine Einladung vom damals berühmten Gelehrten erhielt, ward der junge Artist verlegen, doch die eingeborene Sehnsucht danach, soviel wie möglich zu erfahren, brachte ihn in die Wohnung von Einstein. Der Hausherr war nicht allein, sondern mit seinem Freund, dem nicht weniger berühmten Menschen, Psychologen und Professor Sigmund Freud.

Wolf Messing

Albert Einstein

„Du, junger Freund, bist kein Junge mehr, deswegen passt auch das Wort Wunderkind nicht, um dich zu beschreiben. Du bist von nun an ein Wundermann.“ Mit diesen Worten belegte der Hausherr unseren Helden. „Und wenn es dir mal schlecht geht oder du einen Rat brauchst, oder gar Geld – wende dich immer an mich.“

Wolf Messing

Freuds berühmte Couch

Hiernach lebte das junge Talent noch einige Monate in der Wohnung Einsteins und ließ sich nur von Auftritten ablenken, die für ihn die Quelle seiner Existenz bedeuteten. Nicht selten war er auch zu Besuch beim Grundsteinleger der Psychoanalyse und Altmeister im Gebiet der menschlichen Psyche Sigmund Freud. Wolf war erstaunt über die Extravaganz des Kabinetts: Skelette, die auf dem Boden herum standen, von der Decke herunter hängende Knochen – unklar, ob echt oder aus Plastik, Schädel mit gefletschten Zähnen, Gläser mit eingelegten Innereien… die Umgebung war, wie wir sehen, düster und bedrückend. Freud selbst unterschied sich nicht mit einem netten und ruhigen Charakter. Wolf bemerkte hingegen wie gallig, zynisch und brüsk er seinen Patienten gegenüber war.

Wolf Messing

Sigmund Freud

Nach einiger Zeit hat der Impressario Zeppelmeister, der von den ihm eröffneten Perspektiven noch mehr beflügelt war, für den Wundermann eine Tournee durch viele Länder der Welt arrangiert. In wenigen Jahren sahen den Telepaten, Gedankenleser und das Medium Länder wie Argentinien, Brasilien, Japan und viele andere. Nicht nur einfache Bürger, sondern auch außergewöhnliche kulturelle Menschen suchten die Begegnung mit Messing, als sie von seinen Gaben hörten. Sie waren ebenso für die Persönlichkeit des Mediums zu begeistern wie für seine Voraussagen und Erfahrungen, die von einer materialistischen Sichtweise nicht zu erklären waren.

Die berühmte Schauspielerin Marlene Dietrich hatte, wie man sagt, ein positives Gespräch mit ihm, doch darüber lässt sich heute nicht berichten, da beide Gesprächspartner seit Langem in der besten aller Welten verweilen. In Indien traf Wolf auf Mahatma Gandhi, sprach mit Yogas. Dies ist eines der Beispiele, in dem die Wundergaben Wolf Messings zum Ausdruck kamen. Nicht selten baten verzweifelte Menschen den Hellseher, zu erkennen, ob einer ihrer Nächsten noch lebt oder nicht. So brachte ihm in den 30-er Jahren eine junge Frau eine Fotografie eines Herren, der ihr sehr ähnlich sah. „Das ist mein Bruder,“ - sagte sie. „Vor zwei Jahren ist er, vom Märchen des wunderbaren Lebens in Amerika verzaubert, in dieses Land gereist, um sein Glück zu finden. Seitdem habe ich nichts von ihm gehört… Sagen Sie mir, ob er wenigstens lebt, ich flehe Sie an!“ - weinte die junge Frau. Damals sind viele aus dem ärmlichen Polen ins Ausland geflohen, vor allem in das weit entfernte Amerika, deswegen war nichts außergewöhnliches in der Handlung des jungen Mannes. Alle träumten sie davon, Glück zu finden, doch man dachte vor Allem an eine neue Arbeit, um nicht zu verhungern.

Wolf blickte aufmerksam auf das Foto, und da war es so, als löste sich die Abbildung vom Papier und… der junge Mann stand vor ihm da. Er sah viel besser aus, als auf dem Bild, etwas kräftiger, mannhafter, war modisch und teuer gekleidet. Und da durchschoss seinen Kopf der Ausdruck „Dreizehn Tage…“. „Meine Dame, ich kann Sie erfreuen, ihr Bruder ist nicht nur am Leben, ihm geht es ausgezeichnet! Ja, er durchlebte viele Schwierigkeiten, war lange Zeit arbeitslos. Doch jetzt steht er fest auf den Beinen und bald erhalten Sie von Ihm eine Nachricht.“ - sagte Messing. „Ich glaube schon gar nicht mehr daran, Sie wollen mich sicherlich nur beruhigen?!“ - „Nein, es stimmt nicht, Sie müssen sich nur noch 12 Tage lang gedulden, und am 13. erhalten Sie eine Nachricht von ihm. Es wird die erste sein, doch er wird von nun an öfter schreiben.“ Von gegensätzlichen Gefühlen verwirrt – Hoffnung und Zweifel – ging die junge Frau nach Hause. Auf dem weg traf sie bekannte Menschen und erzählte ihnen von der freudigen Nachricht des berühmten Messing.

Alle warteten darauf, dass die 12 Tage vorüber gingen, und so versammelten sich am 13. Tag vor dem Haus der jungen Frau Zeitungsleute, Journalisten und einfache Bürger aus weiten Teilen des Landes. Sie warteten den ganzen Tag vor der Tür und wollten schon aufbrechen, als der Postbote erschien und einen Brief aus dem fernen Philadelphia brachte, welcher mit dem gestrigen Zug kam. Muss man noch erwähnen, wie glücklich die Schwester war und wie man diesen Vorfall in den polnischen Zeitungen verbreitete? Vor allem auch deswegen, weil der Briefinhalt damit übereinstimmte, was Messing berichtet hatte.

Wolf Messing

so ein Postbote brachte die glückliche Nachricht

Noch einige Jahre vor seinem Tod kaufte sich Messing, der Edelsteinen gegenüber nicht gleichgültig eingestellt war, einen Ring mit einem riesigen Diamanten. „Das ist mein Talisman!“ - sagte er. Doch es geschah, dass der Ring gestohlen wurde. Wie, wo, wann – unbekannt. Obwohl Wolf Messing davon wusste, unternahm er nichts – er verstand, was der Diebstahl des Rings symbolisierte. Genau eine Woche darauf verstarb er. Zu Lebzeiten, doch vor allem nach seinem Tod, gingen viele Gerüchte und Legenden um Messing herum und werden es weiterhin tun. Man sagt sogar, dass im Krankenzimmer, in dem er sich nach einer Operation befand, Engel erschienen und ihn auf den Flügeln ins Himmelreich mitnahmen. „Was ist denn daran so ungewöhnlich?“ - sprachen die Zeugen. „Er ist ja nicht wie wir alle, er ist besonders!“ Ja, er war ein besonderer Mensch. Nicht wie wir alle, sondern viel mehr! Man wird noch viel über Messing schreiben, doch ein Geheimnis bleibt immer ein Geheimnis, und fehlendes Wissen wird bleiben, wie es gewesen ist. Es ist unmöglich, dies alles zu verstehen. Und zu erklären sowieso.

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