Marie Lenormand

Marie Anne Adelaide Lenormand (1772 - 1843)

„Die Sibylle von Paris“
Sie war wahrlich eine bemerkenswerte Persönlichkeit, welche ihr eigenes System des Kartenlegens erfand, das heute unter dem Namen Lenormand-System bekannt ist und die sogenannten Lenormandkarten hervorgebracht hat. Ihre Weissagungen, die auch zahlreichen Personen galten, welche eine nicht unbedeutende Position in der damaligen geschichtlichen Entwicklung einnahmen, beeindruckten durch hohe Präzision. Ihren Rat schätzten Revolutionäre, Politiker und Könige.

Marie Lenormand

Mademoiselle Lenormand, Portrait

Ein „missratenes“ Kind
Als dem wohlhabenden Textilhändler Jean Lois Antoine Le Normand und seiner Ehefrau Marie Anne am 27. Mai 1772 eine Tochter geboren wurde, taufte man sie auf den Namen ihrer vier Jahre zuvor als Säugling verstorbenen Schwester. Denn als die Mutter der Seherin 1768 schwanger wurde, soll ihr von einer Zigeunerin prophezeit worden sein, dass das Kind, welches sie erwartete, reich und berühmt werden würde, vorausgesetzt es sei ein Mädchen. Als das Baby dann geboren wurde, war es tatsächlich ein Mädchen, doch es lebte nur wenige Stunden. Vermutlich ist es zu einer Nottaufe gekommen, denn das Neugeborene erhielt einen Namen: Marie Anne.
Der Tod des Kindes schien die Prophezeiung der Zigeunerin als falsch zu entlarven. Es sollte noch vier Jahre dauern, bis es dann endlich soweit war. Wieder ist es ein Mädchen und die Eltern nennen es ebenfalls Marie Anne, denn einem damals weit verbreiteten Glauben zufolge, sollten die Seelen verstorbener Geschwister in den Körpern der Nachgeborenen weiterleben, wenn diese den gleichen Namen erhielten.
Doch stellte sich diese Geburt für die Eltern zunächst als enttäuschend heraus, denn das Kind war von keinem gelungenem Äußeren. Nicht nur, dass eines seiner Beine kürzer als das andere war. Auch war eine der Schultern des Mädchens höher als die andere angesiedelt, was man auf einen unglücklichen Sturz der schwangeren Marie Anne zurückführte.
Mitleidig und besorgt war das Elternpaar um die künftige Verheiratung ihrer „missratenen“ Tochter und setzte all ihre Hoffnung in ihrere überaus beträchtliche Mitgift.
Doch ein allseits bekanntes Sprichwort bekundet: „Der Mensch plant und Gott lacht“.
So war es auch im Falle der Le Normands, denn bereits knapp ein Jahr nach Marie Annes Geburt stirbt ihr Vater und lässt eine Ehefrau zurück, die nicht das Geringste von Geschäft und Handel versteht. Das Geld und alle Familienersparnisse schwinden schnell dahin, was die Witwe zu der Heirat mit einem reichen entfernten Verwandten veranlasst. Auf diese Weise sollte vor allem das Bestehen des Familiengeschäftes gesichert werden. Doch nur einige Monate nach der Heirat stirbt auch die Frau vollkommen unerwartet und überlässt die damals siebenjährige Marie Anne der Obhut ihres Stiefvaters.
Dieser erweist sich jedoch alles andere als Kinderfreundlich. Schon bald betritt eine neue junge Ehefrau das Heim und die Vollwaise Marie Anne wird in einem Benediktinerinnen-Kloster untergebracht.

Marie Lenormand

Mlle Lenormand beim Kartenlegen

Eine gefährliche Gabe
Dort im Benediktinerinnen-Kloster treten erstmals die außergewöhnliche Fähigkeiten des Mädchens zutage. Es sollte sich alsbald herausstellen, dass ein Kloster nicht gerader der geeignetste Ort für Talentausprägungen dieser Art war. Über den Neuankömmling wurde häftig getuschelt, denn statt fleißig Gebete aufzusagen, hieß es, träumte sie nur vor sich hin und starrte dabei wie in Trance auf die Wasseroberfläche des nebst gelegenen Sees. Oder sie zog sich in Lagerräume der klösterlichen Bibliothek zurück und schmökerte stundenlang in altertümlichen Büchern und Schriften. Und manchmal las sie den anderen Mädchen aus der Hand und behauptete diese Kunst von irgendeiner Zigeunerin gelernt zu haben.
Als Höhe- und Wendepunkt dieser Eskapaden diente eine unvorsichtige Prophezeiung über die Äbtissin des Klosters: Eines Tages stellte Marie Anne die ungeheure Behauptung auf, die Dekanissin würde sich nicht mehr allzu lange im Kloster aufhalten. Daraufhin wurde das Mädchen einem Verhör unterzogen in dessen Verlauf sie den Anwesenden eröffnete, dass sie vor einigen Tagen wiedermal die Wasseroberfläche betrachtet hatte und sich dort plötzlich Bilder zeichneten, welche von einer baldigen und langen Reise der Äbtissin berichteten. Die Nonnen waren über diese Vorgänge fassungslos und erschüttert, sie konnten sich nicht erklären woher diese Visionen stammten und wie das Kind an solche Informationen kam.
Noch größer wurde die Aufregung jedoch, als bald darauf eine Nachricht eintraf, dass die Äbtissin aufgrund neuer Berufung tatsächlich an einen anderen Ort versetzt wird. Sogleich wurde der Stiefvater des Mädchens ins Kloster beordert und aufgefordert, das Kind wieder abzuholen, denn nur so könne Ruhe und Ordnung im heiligen Hause wiederhergestellt werden.
So wurde Marie Anne von Kloster zu Kloster weitergereicht, denn überall trug sich die selbe Geschichte zu: ihre Wahrsagungen brachten Aufruhr in die Köpfe und Seelen der Schwestern und das Kind wurde zu einem lästigen Problem, welches schnellstmöglich behoben werden musste.
Eines Tages nahm die Geduld des Stiefvaters ein Ende und er gab das Mädchen zu einer Schneiderin in Ausbildung. Nachdem Marie Anne einige Jahre mit Schere und Nadel herumhantiert hatte, beschloss sie sich auf die Suche nach einem besseren Leben zu begeben – Ihre Direktion war Paris.

Paris im 19. Jh

Paris im 19. Jahrhundert

Die Eroberung von Paris
In der Hauptstadt fand ihre Gabe nun endlich die gebührende Wertschätzung. Schon sehr bald wuchs das Klientell der jungen Verkäuferin (Marie Anne versuchte anfangs in dem Tätigkeitsbereich ihrer Vorfahren Fuß zu fassen) und ihre Fähigkeiten des Handlesens gewannen immer mehr an Popularität. Dort in Paris entdeckte Lenormand (so sollte die frühere Le Normand nun heissen) mit Begeisterung die Weisheiten des Kartenlegens, das zu der damaligen Zeit gerade schwer in Mode war.
In diesem Spektrum erwies sich Lenormand als hoch begnadet – basierend auf dem des berühmten Kartenlegers Eteilla, entwickelte Marie Anne ihren eigenen Stil: Sie benutzte einen herkömmlichen Kartenstapel bestehend aus 36 Spielkarten, welcher den Beinamen Zigeunerstapel trug, doch diese Karten waren mit besonderen Symbolen wie z.B. Sonne, Reiter oder Kleeblatt versehen. Es gab dort auch die sogenannte „Blanca“ - eine Karte, welche die Bedeutung eines Fragenden trug. Aus dem Stapel herausfallende Karten deutete Lenormand ebenfalls auf eigene Art und Weise sowie mit erstaunlicher Genauigkeit. Die Popularität und das Ansehen der jungen Wahrsagerin wuchs immer weiter an, sodass sie alsbald ihren eigenen Kartomantie-Salon eröffnen konnte.
1793 wurde der Lenormand-Salon mit einem Besuch der führenden Spitze der Französischen Revolution beehrt. Es waren die damals omnipotenten Herrn Marat, Robespierre und Saint-Just. Ihnen allen prophezeite Marie Anne einen baldigen und gewaltsamen Tod. Die peinlich berührten Herren verbargen ihr Unbehagen hinter abschätziger Spötterei, doch wenige Monate darauf sollten sich die Weissagung der Lenormand bewahrheiten: Am 13. Juli 1793 wurde Jean Paul Marat von der Monarchistin Charlotte Corday erstochen. Maximilien de Robespierre und Antoine de Saint-Just fanden ihren Tod nur ein Jahr später durch die Guillotine.

Marie Lenormand

einige Lenormand-Karten

Die königliche Gnade
Der Bekanntheitsgrad der Lenormand wuchs von Tag zu Tag und mit ihm auch das Vermögen. Doch das höchste Maß an Ruhm, Geld aber vor allem auch an Schwierigkeiten bescherte ihr die Freundschaft zu Joséphine de Beauharnais. Als die Ehefrau des jungen und äußerst vielversprechenden Generals Bonaparte erstmals Lenormand’s Salon besuchte, prophezeite ihr diese, dass Joséphine eine Zukunft als Königin erwarte und das nur Dank Bonaparte, dessen Haupt schon bald die Krone schmücken würde.
Diese Vorhersage schmeichelte dem ehrgeizigen Napoleno, beunruhigte jedoch Joséphine. Durch die Patronage dieser schillernden und mondänen Dame, der Frau des Mannes, welcher gerade dabei war, unsagbar glänzende Karriere zu machen und immer mehr Einfluss gewann, wurde in den Lenormand-Salon die Creme de la Cleme der gesellschaftlichen Elite angelockt.
Als Napoleon tatsächlich zum Imperator gekrönt wurde, regnete es für Lenormand geradezu Gnadengeschenke: Bonaparte prämierte sie mit einer Million Franc und Marie Anne erhielt den Titel der persönlichen Wahrsagerin der Kaiserin Joséphine.
Doch wie es oft nun mal so ist, war auch im Falle der Lenormand die kaiserliche Gunst von wandelbarer Natur: Ihre Prophezeiung über eine baldige Trennung von Bonaparte und Joséphine sowie die Vorhersage einer Niederlage bei dem künftigen Feldzug gegen Russland, erzürnte den Kaiser. Zunächst verbot er seiner Frau den Umgang mit der Wahrsagerin und 1808 orderte er sogar die Aussiedlung Lenormands aus Paris an.
Im Exil schrieb Marie Anna ein bemerkenswertes Buch: „Les Souvenirs prophétiques d´une sibylle sur les causes secrètes de son arrestation“ (Prophetische Erinnerungen einer Sibylle über die Gründe ihrer Festnahme), in welchem sie den Niedergang Napoleons und die Restauration der Bourbon-Dynastie beschreibt. Die Ehe von Bonaparte und Joséphine wurde im Jahre 1809 geschieden.

Marie Lenormand

Napoleon bei Lenormand

Ruhm und Tod
Das Buch „Prophetische Erinnerungen einer Sibylle über die Gründe ihrer Festnahme“ wurde in Frankreich nach der Niederlage Napoleona herausgegeben. Es weckte großes Interesse, insbesondere bei dem russischen Kaiser Alexander I.
Nach der Scheidung von Banaparte und Joséphine lebte die Freundschaft zwischen Lenormand und ihrer Gönnerin wieder auf. Die Wahrsagerin empfand tiefe Bewunderung für diese außergewöhnliche Frau. Auch von der Biographie der Joséphine de Beauharnais, welche Lenormand kurz darauf verfasste, war Alexander I sehr angetan. Daraufhin äußerte er den Wunsch, mit der „Sibylle von Paris“ persönliche Bekanntschaft zu machen. Das Treffen fand 1818 während des Aachener Kongresses statt. Auch andere wichtige Persönlichkeiten, die anlässlich des Kongresses angereist waren, wurden auf Marie Anne aufmerksam. Man suchte unentwegt nach Begegnungen mit ihr, schätzte und beherzigte ihre Ratschläge.
Doch der wachsende Einfluss der „Sibylle von Paris“, auch auf politischer Ebene, stieß, wie es nun mal oft geschieht, unter bestimmten Akteuren auf Ablehnung. Und so kam es 1821 zu einem Prozess, in welchem Lenormand von der Kirche der Häresie angeklagt worden war. Die Weissagerin wurde schuldig gesprochen und zu einem einjährigen Freiheitsentzug sowie zur Zahlung einer enormen Geldstrafe verurteilt.
Allerdings konnte sie durch ihre zahlreichen Kontakte der Vollstreckung des Urteils entgehen.
Die für damalige Verhältnisse bereits betagte Wahrsagerin distanzierte sich alsbald von der Politik und entschloss sich, die ihr verbliebenen Jahre in Ruhe zu verleben.
Denn auch ihren eigenen Tod hatte sie vorhergesehen: einst erschreckte die ehrwürdige Matrone ihr Dienstmädchen, als sie in Genaken versunken dasaß und plötzlich verkündete, dass der Tod sie in Gestalt einer schwarzen Maske und durch Erdrosselung heimsuchen wird.
Am 23 Junie 1843 schlich sich ein Unbekannter, mit einer schwarzen Maske getarnt, in das Haus der Lenormand und erwürgte die damals 71 jährige Dame. Es fiel sofort auf, dass keine Wertsachen entwendet worden waren, obwohl das Haus der Lenormand reichlich damit gefüllt war.
Beigesetzt wurde die Wahrsagerin von ganz Paris. Ihr Ruhm überdauerte ihr Leben und bis zum heutigen Tage ruft der Name der Tochter des Textilhändlers von Alenςon große Bewunderung hervor.

Marie Lenormand

eine typische Lenormand-Karte;
das Schicksal in Reimen

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